PsychoanalytikerInnen haben bereits in den 1970ern in der Erforschung von jüdischen Überlebenden des Holocaust Begriffe wie Transposition (Kestenberg) oder Enactment (Kogan) geprägt, um damit Mechanismen zu beschreiben, dass sich Nachkommen Traumatisierter psychisch und emotional teilweise in traumatischen Szenen ihrer Vorfahren wiederfinden. Aus einem „normalen“ Aufenthalt im Krankenhaus kann so eine den (Groß-)Eltern nachempfundene Lagererfahrung werden (Zöchmeister).
Re-Traumatisierung
Die traumatischen Erfahrungen der Vorfahren werden intensiv nachempfunden. Die Grenzen von Zeit, Raum und Subjekt sind dabei psychisch und emotional durchlässig. Ein Treffen junger Antifaschisten, die sich mit Partisan:innen identifizieren, auf Partisan:innenpfaden wandern, über (zivilen) Widerstand etc. lernen, viele davon Nachkommen von Partisanen in 3. oder 4. Generation, die aber dabei von Polizeieinheiten (mit Hunden, Helikoptern, teils schwer bewaffnet etc.) besucht werden – 80 Jahre nachdem Partisan:innen genau an diesem Ort von SS- und Nazipolizei überrascht werden. Viel direkter kann die Erfahrung der Vorfahren nicht mehr nachempfunden werden.
Tiefenpsychologiche Gründe, weshalb die die Kärntner slowenische Community so sensibel darauf reagiert: Die Gesellschaftliche Aufarbeitung der NS-Verbrechen fand in Kärnten und Österreich sehr spät statt. Offizielle Entschuldigungen für die Deportationen 1942 an die Volksgruppe gab es 2020 von Bundespräsident Van der Bellen und Kärntner Landeshauptmann Kaiser (SPÖ). Partisan:innenwiderstand wird in Kärnten leider auch heute noch ambivalent wahrgenommen (Stichworte wie „Partisanengräuel“, siehe Denkmal am Domplatz in Klagenfurt/Celovec)
Kärntner Erinnerungskultur
Erinnerungskultur in Kärnten/Koroška ist generell noch ambivalent: Etwa 340 Denkmälern für NS-Opfer, überwiegend vor 15 Jahren aufgestellt vs. etwa 800 Abwehrkämpferdenkmäler. Deutschnationale Erinnerung und Erinnerungsorte sind überpräsent (10. Oktober und Abwehrkampf)
Kärntner Slowen:innen sind auch heute noch quasi allein auf sich gestellt, was die Konservierung und Revitalisierung („das Überleben“) der Volksgruppensprache und Community angeht. Slowenisch ist in Kärnten nirgends öffentlich sichtbar, es gilt als „Minderheitenangelegenheit“.
Natürlich gibt es positive Tendenzen, das reicht aber noch lange nicht aus um von Nachhaltigkeit und Revitalisierung zu sprechen. Politische Partizipation wird seit Jahrzehnten verunmöglicht, all das erzeugt großen Stress in der Community.
Wenn sich Trauma-Verarbeitung in die Länge zieht
In der Epigenetik wurde gewissermaßen nachgewiesen, was Psychoanalytiker:innen schon lange behaupten, nämlich dass Nachkommen Traumatisierter transgenerational traumatisiert werden können, also traumatische Symptome entwickeln, obwohl sie die Traumen nicht selbst erlebt haben.
Die Traumasymptome der Nachkommen können mit denen der Zeitzeug:innen ident sein. Beispielsweise wird auf Ängste, Stressoren etc. „allergischer reagiert“.
Es bleibt zu hoffen, dass die gegenwärtige Publicity der Geschichte am Peršmanhof und der Kärntner Slowen:innen generell zu einer weiteren Aufarbeitung der Missstände insgesamt beiträgt. Dazu ist gewiss notwendig, dass der übertriebene Polizeieinsatz lückenlos aufgeklärt wird.
Im Gegensatz zum Peršman-Massaker, das jahrzehntelang unaufgeklärt blieb und dass sich die breite gesellschaftliche Mehrheit, das offizielle Österreich zu 100 Prozent auf die Seite der „Opfer“ stellt. Trauma ist nicht zuletzt vor allem auch ein sozialer Prozess:
Dass sich transgenerationale Traumatisierung in Kärnten/Koroška so lange ziehen konnte, liegt insbesondere auch darin begründet, dass Themen um Kärntens Zweisprachigkeit solange ambivalent aufgefasst wurden.
Positiv gesehen ist die gegenwärtige Publicity ist eine weitere Möglichkeit, dass sich die Kärntner und österreichische Gesellschaft unmissverständlich auf die Seite konstruktiver Aufarbeitung stellen – und auch zu Kärntens Zweisprachigkeit stehen.
Foto: Konstantin Vlasich
Es zeigt Daniel Wutti bei einem Vortrag am Peršmanhof 2022.
Wutti lehrt und forscht an der Pädagogischen Hochschule Kärnten zu Psychologie und transgenerationalen Traumata; er ist u.a. im Mauthausen Komitee aktiv. Dieser Kommentar wurde ursprünglich auf bluesky veröffentlicht.
Zum Peršmanhof
Gedenkveranstaltungen am Peršmanhof wurden in den ersten Jahrzehnten (ab den 1980ern) rein auf Slowenisch gehalten. Seit mehr als 20 Jahren aber zweisprachig, wobei sich ab den 2000ern zunehmend mehr Politiker:innen aus Land und Bund unter die Anwesenden und auch Redner:innen mischten.
Am Peršmanhof selbst sorgt der Verband der Kärntner Partisanen für die Infrastruktur, der društvo/Verein Peršman für die pädagogische Arbeit (grob vereinfacht dargestellt). Beides ehrenamtlich getragene Vereine, deren finanzielle Situation von Förderungen abhängt (partizani.at & persman.at)
Am Peršmanhof selbst befindet sich seit 1983 ein Museum, das 2012 vollständig überarbeitet wurde. Es ist nach wie vor das einzige Museum in Kärnten, das sich dem Widerstand der Kärntner Partisan:innen widmet, als auch der Deportation der Kärntner Slowen:innen im NS – wohlgemerkt auf knapp 1000m Seehöhe, fern der Öffentlichkeit und politischen & kulturellen Zentren.
