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VG-Medien: Jeweils 262.800€ für Wochenzeitungen Hrvatske Novine & Novice. Ungarn bekommen eigenes Online-Medium.

Eine Digitalspritze gegen die chronische Unterdotierung

Am Montag verlautbarte Integrationsministerin Susanne Raab (ÖVP), dass die Medienförderung für Volksgruppen beschlossen sei und auch ein Online-Medium neu gegründet werden soll. Für NG war die Presseaussendung etwas knapp, also haben wir genauer nachgefragt und veröffentlichen Details zur Medienförderung für Volksgruppen. Um die Angaben aus dem Ministerium, dem Bundeskanzleramt und aus Kärnten möglichst nicht zu verfälschen, belassen wir den Artikel überwiegend auf Deutsch. Rólunk – tako će se zvati medij, ki prevodjeno znači toliko kot “o nami”.

Ablauf: Leitmedien vor!

“Gefördert werden nun zum einen bereits etablierte Wochenzeitschriften oder Monatsmedien, zum anderen wird auch ein ganz neu gegründetes Onlinemedium unterstützt.” – soweit die wichtigste Information in der Aussendung von Kanzleramtsministerin Susanne Raab. Was heißt das konkret?

Die Volksgruppenförderung wurde von der türkis-grünen Bundesregierung verdoppelt und ist 2021 mit rund acht Millionen Euro dotiert – man könnte auch meinen, der Teil, den die Inflation über 25 Jahre gefressen hat, ist jetzt wieder verfügbar. Ein Teil der Gelder wird über den neuen “Volksgruppenmedien”-Topf ausbezahlt, der insgesamt 700.000 Euro fasst. Auf diese Förderungen bezieht sich die Aussendung von Raab.

Die Vorgangsweise beim Medientopf sah wie folgt aus: Alle sechs Volksgruppenbeiräte wurden aufgefordert, pro Minderheit ein sogenanntes “Leitmedium” zu designieren, das dann in weiterer Folge zum Zug kommen soll. Maximal 80 Prozent der Projektkosten trägt das Bundeskanzleramt.

Gefördert werden heuer nur 5 Medien. Es gab zwar insgesamt 6 Antragsteller, aber die Volksgruppe der Roma hat leider auf kein Leitmedium verweisen können. Der weitere Antragsteller war ein Newsletter-Projekt aus der burgenlandkroatischen Volksgruppe. Das Ansuchen ist nicht durchgegangen (Anm.: Es ist nicht der NG-Newsletter gewesen).

Was ist das zu gründende Online-Magazin? Es soll ein überwiegend ungarischsprachiges Medium entstehen, das die Ungar:innen im Burgenland, aber auch in Wien erreicht. Träger ist der Burgenländisch-Ungarische Kulturverein, aber im Detail ist es eine Kooperation der Wiener Vereine ZentralverbandZentralverband Ungarischer Vereine und Organisationen in Österreich und Runder TischRunder Tisch der Ungarischen Organisationen in Österreich mit dem burgenländischen BUKV und UMIZUngarisches Medien- und Informationszentrum. Deswegen ist es als Leitmedium definiert worden, obwohl es nach außen noch nichts davon gibt. Innen werkt eine Medienarbeitsgruppe an: Rólunk. Ausztria Magyar Oldalai , das so viel heißt wie “Über uns. Österreichs ungarische Seiten.” Federführend bei dem Konzept war Erika Erlinghagen, Post-Doc an der Finno-Ugristik der Uni Wien und Expertin, wenn es um Online Content Management geht und jüngstes Mitglied des ungarischen Volksgruppenbeirats. Das Projekt wird mit 89.600€ unterstützt und könnte bei optimistischen Schätzungen im September online gehen. Demnächst würden die Stellen ausgeschrieben, so Erlinghagen gegenüber NG.

Verteilung der Volksgruppenmedienförderung für das Jahr 2021. Tabelle: Elisabeth Satovich/NG. Quelle: BKA.

Vergabe: Ohne Digitalstrategie gibt’s nix

Bei den etablierten, aber in den letzten Jahren doch über fehlende Mittel klagenden Wochenmedien der Burgenlandkroat:innen und Kärntner Slowen:innen gibt es endlich Erleichterung. 262.800€ gibt es jeweils für Novice und Hrvatske novine. Ein Muss für die Förderung war auch die Angabe einer Digitalstrategie. Das heißt, mit den Mitteln soll es nicht nur eine Aufstockung des Personals geben, sondern ernsthafte Konzepte werden verlangt, wie man sich in den digitalen Raum vorwagen und da positionieren will. “Wir wollen, dass die Volksgruppenmedien ins 21. Jahrhundert geführt werden”, so die zuständige Abteilungsleiterin im BKA.

Man geht aber nicht so weit, zu sagen, der Printbereich soll auslaufen. Eher soll sichergestellt werden, dass sich die Medien die richtigen Leute holen, wenn es um Beratung im Digitalbereich geht. Die Online-Welt als Ergänzung zu Print und das etwa verstärkt über Social Media.

Novice-Chefredakteur Sebastian Trampusch meint gegenüber NG, dass sie sich von einer externen Firma zur Neustrukturierung beraten lassen. Die Alterspyramide ihrer Leser:innenschaft unterscheidet sich nicht von der eines Mehrheitsmediums. Also ist es nicht verwunderlich, dass ein unter Jugendlichen eingeholtes Meinungsbild ergeben hat, dass die slowenischen Medien noch stärker in Social Media vorkommen sollten. Bislang seien sie für stärkere Präsenz im digitalen Raum chronisch unterdotiert gewesen, in Zukunft seien Online-Inhalte exklusiv oder in abgewandelter Form als print denkbar – “wie das halt Usus ist”, so Trampusch.

Auch bei der kroatischen Wochenzeitung Hrvatske novine stehen Veränderungen an. Im Herbst des Vorjahres wurde die 1-Mann-Redaktion um drei Mitarbeiter:innen aufgestockt. Eine davon, Diana Jurkovits, war federführend beim Digitalkonzept der Zeitung. Zur bisherigen Online-Arbeit sagt Chefredakteur Peter Tyran, dass ihre Website bereits seit 19 Jahren bestünde. Ein zweisprachiger Auftritt konnte einst aus finanziellen Gründen nicht weiterverfolgt werden. Durch den Digital-Ausbau sollen einige Inhalte früher verfügbar sein als die Printvariante, natürlich auch über weitere Social-Media-Kanäle.

Der eingereichte HN-Antrag beim BKA war auf 342.000€ kalkuliert. Bei der Zusage über 262.800€ müsse man neu bewerten, welcher Teil des Konzepts Vorrang habe. Auch eine wissenschaftliche Begleitung sei angedacht, so Tyran. Die Wochenzeitung befindet sich insgesamt in einer Art Übergangsphase. Tyrans Position wird noch als “Lebendsubvention” aus Geldern des Wissenschaftsministeriums und des Landes Burgenland finanziert und läuft mit seiner Pensionierung aus. Er dürfe aufgrund einer Sondergenehmigung bis spätestens November 2023 arbeiten. Rein theoretisch hätte er über 400 Urlaubstage auf der Kante. Aber von denen wolle er nicht Gebrauch machen.

Archivtipp: NG 3/2019 “Medien: Dürfen wir noch träumen?”

Bei den Medien der Wiener Tschech:innen und Slowak:innen wird es für die 14-tägig erscheinenden, an beide Minderheiten gerichteten Videňské svobodné listy 65.000€ aus dem Medientopf geben und 19.800€ für die viermal jährlich erscheinende Pohlady. Beide Medien kümmern sich um ein Digitalisierungskonzept.

Bei einigen der hohen Zahlen sollte man nicht vergessen, dass die meisten Medien/deren Herausgeber aus der “normalen” Volksgruppenförderung herausgefallen sind. Die Förderung für Volksgruppenmedien wird künftig jährlich ausgeschrieben und auch das “Leitmedienmodell” soll beibehalten werden.

“Sonstige”: Der vielfältige Rest

Dass man das “Leitmedienmodell” als solches kritisieren könnte, sei hier nur kurz angemerkt – etwa wenn man lieber eine pluralistische Volksgruppenmedienwelt hätte statt einer oligo- bzw. monopolisierten. Die Zahl der Antragsteller für die weiteren Töpfe, sie fassen rund 2,6 Millionen Euro, bewegt sich in einem sehr hohen Bereich: Etwa 160 Projektanträge gab es zusammen für den Topf für Interkulturelle Förderung und Sonstige Zuschüsse, darunter weitere Antragsteller, die man als Volksgruppenmedien bezeichnen könnte.

Gerade werden die circa 100 Anträge für den Topf Sonstige Zuschüsse und 60 für Interkulturelles bewertet. Im ersteren ist etwa der von NOVI GLAS drin. Die Fachabteilung, die im Gegensatz zur Förderung größenmäßig nicht verdoppelt wurde, prüft die Anträge auf Planung, Inhalt, Nachhaltigkeit, Wirtschaftlichkeit und Relevanz. Die Beiräte der Volksgruppen geben keine Empfehlungen ab, sondern sollen bei dem Punkt “Projektrelevanz” eine Stellungnahme abgeben, die dann bei der Förderentscheidung berücksichtigt wird. Also an alle uns Wartenden – frohes Zittern! Aber pandemiebedingt sind wir im Geduldigsein erprobt.


Update 23.4., 11:30 – Details zu Rólunk
Recherche: Konstantin Vlasich
Grafiken: Elisabeth Satovich, Nikola Znaor

Quellen

Presseaussendung Raab

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